Jürgen Schiefers künstlerisches Werk der letzten Jahre ist stark gespeist vom intuitiven persönlichen Duktus, der zwischen informeller Spur ­ sowohl im Grafischen als auch im Malerischen ­ und deren Transformation in Gegenständlichkeit changiert. Expressiv, jedoch mit seismografischer Sensibilität, setzt Schiefer das Malwerkzeug oder den Stift auf den Bildträger, ohne konkrete Abbildungsvorstellungen gespeichert zu haben. Mehr im Prozess per se entschlüpfen aus der gezogenen Linie Ansätze von Körperteilen, wie Mund, Auge oder Zeichen, Ziffern und Buchstaben. Somit geht Schiefer den zur klassischen Abstraktion diametralen Weg. Nicht die Wirklichkeit wird zugunsten der Freiheit des künstlerischen Mediums aufgelöst, wie bei Kandinsky oder Mondrian, sondern die abstrakte Kunst per se ist Ausgangssituation. Aus der autonomen malerischen oder zeichnerischen Artikulation erschafft der Künstler eine neue, emotional geprägte Bildwelt. Stilistisch nähert sich Schiefer den Strömungen des Abstrakten Expressionismus und des Informel an, wobei Antoni Tàpies' archaisch anmutende Materialbilder mit kryptischen Zeichensystemen zu essenziellen Orientierungsgrößen geworden sind. Besonders in der österreichischen Kunstgeschichte nach 1945 nimmt die expressionistische ins Informelle tendierende Bildsprache einen wesentlichen Bereich ein, die bis heute stets spannende und eindrucksvolle Lösungen generiert. Dabei sind Arnulf Rainers Zentral- und Vertikalgestaltungen sowie Maria Lassnigs grafisch informelle Werke der frühen 1950er Jahre Pionierwerke und Inkunabeln. Es folgt darauf eine Vielzahl von stilistisch verwandten Tendenzen, die wie auch Schiefers Werke gegenständliche Motive in sich tragen, wenn auch im Wesen des Duktus verwandt, wie etwa Mikl, Messensee, Hebenstreit, Riedl, Jungwirth.

Die Bildfläche von Jürgen Schiefer gibt nur mehr bedingt den Blick in die illusionistische Tiefe frei, sie ist mehr Sedimentationsträger des Malmaterials an sich: Kohle, Schellack, Asphalt. Diese Stoffe verdeutlichen die materielle Dichte seiner Oberflächenbeschaffenheit. Aus dem optischen Fenster ist ein Feld der Spuren geworden, Spuren, die wiederum überlagert werden, verdichtet, ausgelöscht durch neue Bildebenen, die alleine der Künstler festlegt. Nicht mehr bestimmt die Natur, wann das Bild vollendet ist ­ also sobald der Künstler den Trug des Vorbildes meisterlich auf die Leinwand gebracht hat ­ sondern der Künstler selbst entscheidet, wann und wie sein Werk den „vollendeten" Zustand erreicht hat. Somit ist das Bild stets dem prozessualen anstelle dem abbildhaften Sein unterworfen.

Florian Steininger/BA CA Kunstforum Wien