Sprachmal - Denkmal

Eine demokratische Skulptur im öffentlichen Raum
Wolfgang Lamprecht im Interview mit Jürgen Schiefer


Am 19. Juli 2006 fand in Wien auf der Kärntnerstrasse eine auch medial Aufsehen erregende Aktion statt: Du hast 8.000 von Dir gestaltete zweisprachige Kärntner Strasse Strassenschilder an Passanten verteilen lassen. Wie und wann bist Du auf diese Idee gekommen?

Ich bin vor einigen Wochen mit Freunden und Kollegen zusammen gesessen, und natürlich wurde da irgendwann auch über die causa prima diskutiert: Stichwort Ortstafelstreit. Ich habe einige slowenische Freunde, viele die zweisprachig aufgewachsen sind, und auch meine Großmutter war slowenisch-deutsch. Mir war das Thema eigentlich sehr peinlich ­ auch weil man ja im Ausland darauf angesprochen wird ­ und plötzlich hatte ich einfach das Bedürfnis im Rahmen meiner künstlerischen Möglichkeiten etwas zu sagen. Da ist mir diese Idee gekommen. Für mich ist das, was da in den vergangenen Wochen und Monaten quer abgelaufen ist ein sehr schäbiges und bedrückendes Schauspiel. Schauspiel kommt von schauen. Das ist das Metier in dem ich mich bewege, und darum habe ich diese demokratische Skulptur zum Schauen entwickelt, ein Sprachmal als Denkmal, für das man sich entscheiden muss, ehe man es nimmt, und das erst dann fertig ist, wenn die Menschen daheim darüber nachzudenken beginnen, wie hier in Österreich mit mehrsprachigen Volksgruppen umgegangen wird. Die aktuelle Debatte ist ja nicht wirklich aktuell, sie ist eine alte Debatte in gesetzesbrecherischen neuen Schläuchen, und sie ist vor allem auch nicht auf Slowenen reduzierbar. In Österreich leben immer auch noch Kroaten, Ungarn, auch Türken, Serben usw. auch für diese Menschen ist Österreich eine Heimat. Heimat ist ein zutiefst menschliches Bedürfnis, und wie in Österreich mit menschlichen Bedürfnissen umgegangen wird, ist ­ auch im internationalen Vergleich lächerlich. Ich meine, wir sind ja in der EU, und ist es höchst an der Zeit Mehrsprachigkeit als Identität stiftend ­ auch für einzelne Mitgliedsstaaten ­ zu begreifen. Als Künstler müssen wir uns da in die Diskussion einbringen.

Kunst im öffentlichen Raum bedeutet ja auch, ­ in diesem Fall ­ sich der prallen österreichischen Seele auszuliefern. Wie waren denn die Reaktionen?

Zu 90 Prozent äußerst positiv. Im Gegensatz zu Politikern, kann man auf das Verständnis und die good Vibrations der so genannten einfachen Menschen durchaus vertrauen, und Kleingeister gibt es ja überall. Die Leute haben sich über die Aktion gefreut, mir gratuliert, das Produkt schön gefunden, und innerhalb von drei Stunden waren die Schilder alle weg. Es gab solche, die sofort gemeint haben, sie würden das Schild in ihrer Strasse montieren, solche ­ inklusive die Aktion bewachende Polizisten ­ die sich das in Büros und Wohnungen aufhängen wollten, und nur ganz wenige, die ein Schild wieder zurückgelegt haben. Ich hatte den Eindruck, dass hier auch viele Emotionen kanalisiert wurden. Mir haben Kärntner ihr Leid vom Herz geredet, aber auch türkische und jüdische Mitmenschen. Das für mich Schöne dabei war, dass damit der Beweis geführt wurde, dass meine Idee aufgegangen war.

Wieso hast Du diese Aktion in der Kärntner Strasse gemacht? Wäre sie nicht in Kärnten besser aufgehoben gewesen?

Die Kärntner Strasse in Wien ist für mich ein Symbol, allein aus ihrer geschichtlichen, geopolitischen, kommerziellen und kulturellen Bedeutung heraus. Es gibt ja viele Kärntner Strassen zwischen Maribor und Villach, Linz und Klagenfurt. Sie gehören historisch alle irgendwie zusammen, aber die Kärntner Strasse in Wien kommt ja sogar in jedem DKT vor. Gerade weil Kärnten als vorgeblicher Problemfall Teil von Österreich ist, war es mir wichtig, die Sache nicht zu regionalisieren, sondern ein überregionales Zeichen zu setzen. Ich finde in diesem Zusammenhang den Gedanken auch ziemlich befriedigend, dass diese Schilder als positives Zeichen für Normalität in Österreich jetzt in viele Länder dieser Welt verstreut sind. Da waren Italiener, Amerikaner, Japaner, Deutsche, Briten, usw. ­ sie haben sich das Projekt erklären lassen und sind begeistert mit den Schildern weg spaziert. Ausserdem ist die Wiener Kärntner Strasse immer schon Austragungsort für Kunstaktionen gewesen, denken sie an Valie Export und Peter Weibel, an Georg Paul Thomann, oder an Schwarzkogler.

In den online-Ausgaben der Medien wurde die Aktion heftig diskutiert. Viele haben sich auch gefragt, was daran denn Kunst sei?

Auch wenn ich mich nicht in dieser Tradition sehe, aber nach Beuys stellt sich die Frage ja so nicht, einmal abgesehen davon, dass Ństreet art" gerade unglaublich zeitgemäß wurde. Kunst ist für mich eine Intervention, so wie sie hier geschaffen wurde. Außerdem spielen für mich ja auch ästhetische Kriterien eine Rolle; ich habe ja nicht einfach nur ein Straßenschild übersetzt und vervielfältigt, ich habe mich schon auch mit Material und Formen gespielt. Auch wenn ­ wie der STERZ weiss ­ ich zugegebener Massen nicht berühmt dafür bin, dass ich realistisch oder politisch arbeite, ist diese Arbeit eine konzise Fortführung meiner sonstigen malerischen Arbeit. Ich befasse mich sehr viel mit Organismen. Mit menschlichen, tierischen, pflanzlichen, die ich experimentell erforsche und formal ausreize. Auch Strassen sind ja ein Teil eines Organismus, analog zu Nervenbahnen. Was ich hier gemacht habe, ist ein maximaler Zoom, den ich formal untersucht habe, und der bei genauerer Auseinandersetzung mehr ist, als ein bloßes Straßenschild.

8000 Strassenschilder kosten ja auch Geld, wie ist das finanziert worden?

Ausschließlich privat. Dank der Hilfe meines Galeristen ­ mel contemporary ­, dank des slowenischen Schilder-Produzenten Napis, dank vieler Freunde, die sich da auch von Graz aus unglaublich engagiert haben. Ich selbst hätte das aus eigener Tasche nie bezahlen können.

Man sagt ­ und hat auch geschrieben ­ diese Aktion sei politisch gesteuert gewesen.

Schwachsinn! Ich will nicht politisch werten, das war und ist nicht mein Ding, das sollen andere tun, die dazu berufen sind. Ich habe auch die Einladung eines Radio-Senders abgelehnt, ein Schild Herrn Westentaler zu überreichen. Mir sind Politiker egal. Ich will das menschlich werten: Ja, ich finde es unter dem Aspekt einer Selbstverständlichkeit im Hinblick auf ein kulturelles Selbstverständnis einer unserer Volksgruppen ziemlich beschissen, wie mit unseren Mitmenschen im eigenen Land umgegangen wird. Aber Kunst heißt auch diskursive Auseinandersetzung, Anregung, den Spiegel vorhalten. Das habe ich getan, auf eine sehr stille und ästhetische Art. Diese demokratische Skulptur ist Kunst. Und zwar eine, über die schon lange nicht mehr so heftige Auseinander setzungen geführt worden sind. Das ist das beste Kompliment für einen Künstler.

Aber Du würdest schon meinen, dass diese Aktion politisch motiviert war.

Wenn unter Politik die menschlichen Vorstellungen zur Gestaltung der gesellschaftlichen und kulturellen Verhältnisse gemeint ist, dann ja. In diesem Sinne war die Aktion politisch. Aber ist das nicht eine der Aufgaben von Kunst? Wenn ich mir die online-Kommentare und mails, die ich erhalten habe, in Erinnerung rufe, dann hat sich mein Tun als richtig erwiesen.

War das "Denkmal-Sprachmal" eine einmalige Aktion, oder geht das weiter?

Meine Kunstaktion war als Prozess auf diesen Tag beschränkt. Allerdings wurde die Aktion sowohl filmisch und fotografisch dokumentiert. Und ich habe von den Strassenschildern auch eine Sonderedition gemacht. Zusammen mit einigen neuen Arbeiten auf Papier, bei denen ich mich mit dem Organismus Stadt beschäftige, und die meiner Malerei wieder sehr nahe stehen, wird diese Aktion im Herbst in all ihren Facetten und Randerscheinungen in der Galerie mel contemporary zu sehen sein.